Jørgen K.

als Autor auf
Himmelsbeobachtung.net

Verweise:

Sonnenfleck AR3664 – Auslöser des großen Mai-Polarlichts in 2024

Am 9. Mai 2024, rund einen Tag vor dem größten Polarlicht seit Oktober 2003, konnte ich einen Blick auf die Sonnenoberfläche werfen und wurde beeindruckt vom Sonnenfleck „AR3664“, der da draußen bereits mit dem großen und gefährlichen Carrington-Sonnenfleck von 1859 verglichen wurde. Die Dimension von „AR3664“ waren gigantisch: rund 200.000km im Durchmesser und damit mindestens so groß, wie 15 aneinandergereihte Erden.

Der Sonnenfleck AR3664 sorgte bei seiner Wanderung über die erdgewandte Sonnenseite für mehrere starke Flares, weshalb die irdische Beobachterszene sehr schnell den Fokus auf das Eintreffen angekündigter X-Flares legte, welche im Verlauf des langen Himmelfahrts-Wochenende 2024 auf das Erdmagnetfeld treffen sollten. Zudem pushten die Medien das bevorstehende Ereignis in die breite Öffentlichkeit, während für große Teile Deutschlands ein klarer Himmels prognostiziert wurde.

Meine Aufmerksamkeit für dieses Thema traf auf zu diesem Zeitpunkt endende und sehr anstrengende Arbeitswochen und den ersehnten Beginn eines langen Wochenendes, welches zumindest noch am ersten Donnerstag dazu genutzt werden konnte, um etwas Energie zu tanken. Am folgenden Freitag, dem 10. Mai 2024, kam es schließlich, wie erhofft:

10.05.2024, 18:38 MESZ – Impact! … am DSCOVR- und ACE-Setelliten

Leider war es so, dass genau für diese Freitagnacht eine Bewölkung angekündigt wurde, welche ich zuvor und für meinen Standort als mindestens „störend“ einordnete. Mittelhohe und hohe Wolken sollten sich im Laufe der Nacht von der Nordsee kommend gen Süden ausbreiten. Der Norden Deutschlands sollte sogar die Last einer nahezu geschlossenen Wolkendecke tragen.

Sonnenuntergang war an diesem 10. Mai um ca. 20:30 Uhr (Ortszeit): Zu diesem Zeitpunkt analysierte ich schließlich final das Satellitenbild und entschied mich dazu, den ersten einziehenden Wolken auszuweichen, was mit einem östlichen Standort in 50km Entfernung (Luftlinie) möglich schien. Zeitgleich setzte der erste Substorm ein, welcher sich in Deutschland am Taghimmel abspielte und von dem ich nichts mitbekam, da ich bereits das Auto für die anstehende Beobachtungsnacht packte.

Gegen viertel vor 9 (Ortszeit) am Abend: Mit meinem gerade erst vor zwei Tagen gekauften Auto (ein großer Transporter, der mir auf genau solchen Ausflügen ein künftiges Hauptquartier bieten soll), ging es heute auf die erste größere Ausfahrt. Nachdem sich mein fahrbarer Untersatz auf der Anreise super geschlagen hatte und auch wunderbar durch „schweres Gelände“ gerollt war, stand ich an einem Landschaftsschutzgebiet bei Wölpinghausen. Ganz in die Nähe eines Ortes, an dem ich in 2018 mit meiner systematischen Beobachtung von Leuchtende Nachtwolken begonnen hatte, was einmal mehr eine große innerliche Beobachterstimmung aufkommen ließ.

10.05.2024, etwa 22:15 MESZ:

Was mit der Ankunft am Beobachtungspunkt folgte, überstieg alles für mich bisher Denkbare

Schließlich setzt mit meiner Ankunft der zweite Substorm (nach Impact der Schrockfront) ein.

Beim Aussteigen aus dem Auto fiel mir direkt ein kräftiges Rot am hellen Dämmerungshimmel auf. Die Sonne hatte zu diesem Zeitpunkt eine Höhe von ca. -14 Grad.

Bedächtig schaute ich in eine Höhe, die alleine schon in ihrem Blickwinkel überwältigend wirkte.

Die Kamera (mit recht weitwinkeliger 24mm-Optik) wurde hektisch auf das Stativ gesetzt.

Das erste verwackelte Bild des Nordost-Sektors wirkte auf mich wie der verzweifelte Versuch, ein Objekt, in der Dimension des Milchstraßenbandes, mit einer viel zu hohen Brennweite abzubilden: Am gesamten Dämmerungshimmel standen rote Polarlichtfragmente, die sich kaum übersichtlich abbilden ließen.

Einmal hektischer wurde die zweite Kamera mit (nahezu) Allsky-Optik aus dem Auto geholt und auf das Stativ gesetzt und die Reihenaufnahme angestoßen – Luft anhalten, Film ab:

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Während der erste Dämmerungs-Substorm den Himmel über mir erst in Rottönen, später Grüntönen und auch Strahlen flutete, wurde das großartige Polarlicht beobachtet, wenige Einzelaufnahmen angefertigt und zuerst einmal liebe Menschen telefonisch informiert und animiert, unter den freien Himmel zu treten. Es bedurfte keiner Richtungsbeschreibung, jeder unerfahrene Beobachter wusste sofort, was gemeint war und wo das Polarlicht zu sehen war, so kräftig und deutlich waren die Farben und Formen in ihrer Erscheinung.

(Wenig später: Ein grelles Scheinweiferlicht in meinem Rücken und lautes Getöse – Ein Bauer auf Nachtschicht sorgte schließlich dafür, dass ich meinen Standort um einige hundert Meter versetzen musste, um ungestört weiter beobachten zu können. Dieser Moment kam passend zum sowieso schwächer werdenden Polarlichtgeschehen am Firmament.)

Mittlerweile war die Dämmerung weit fortgeschritten und der Horizont fahl am leuchten. Die Wolken ließen sich Zeit und bedeckten höchstens den niederen Horizont, während das polare Leuchten selbst nach dem Substorm eine derartige Höhe und Präsenz hatte, dass die Beobachtung nahezu ungestört fortgesetzt werden konnte. Nun hieß es Warten. Warten auf einen zweiten Substorm. Würde er ähnlich phänomenal werden?

(Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht ahnte: In der Zwischenzeit hatte ein weiterer Impact stattgefunden, der schon sehr zeitnah seine Auswirkungen zeigen würde.)

Mit Abklingen des zweiten Substorm (für mich ersten Substorm dieser Nacht) verging rund eine Stunde, die ich damit verbrachte, die Landschaft zu beobachten, Kameraeinstellungen vorzubereiten und zu prüfen, was in Beobachterkreisen geschrieben wurde.
Mittlerweile war es dunkel geworden. Wir näherten uns der tiefen astronomischen Dämmerung. Der Nordhimmel wurde allerdings immer heller, der grüne Bogen, in seiner Erscheinung diffus und deutlich, schien sich derweil erneut aufzubauen.


Derweil lauschte ich Froschkonzerten, die größer und lauter kaum hätten sein können. Unzählige Vögel waren am Singen und Zwitschern. Diese nächtliche Stimmung war besonders, sehr geheimnisvoll, aber auch laut und aufgeregt. Ob das an diesem Standort normal war? Es fühlte sich nicht so an.

Ich beobachtete gerade den nordöstlichen Teil des sich aufbauenden Polarlichtgeschehens, da wurden erste kleinere Strahlen in größerer Höhe sichtbar. Ich entschied mich dazu, den Allsky-Zeitraffer (mit rund 2.000 möglichen Aufnahmen) an genau dieser Stelle anzustoßen:

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Der zweite mächtige Substorm setzte ein, die Umgebung wurde merklich erhellt und schuf den Eindruck, der Halbmond würde am Himmel stehen und ein fahles Licht auf die Landschaft werfen.

Beim Blick in den Zenit gab es kein Halten mehr, kniend vor dem Stativ ließ ich mich auf den Rücken fallen und starrte in den Himmel, während die Polarlichtstrahlen kräftig über mir leuchteten, über den Himmel wanderten und sich immer wieder über mir zentrierten:

Rund eine Stunde dauerte dieser mächtige Substorm an. Die Zeit verging wie im Flug, so sehr war ich gefesselt vom Geschehen am Firmament. (Beim späteren Rückblick auf die eigene Bilddokumentation war ich überwältigt: was ein kräftiger, langandauernder Polarlichtsturm!)

Mit dem Abflauen des Substorms zur astronomischen Mitternacht, blickte ich an den Südhimmel: Waren das pulsierende, diffuse Flächen, war dort das RAGDA-Phänomen zu sehen?

(Zur Erinnerung: Ende April 2023 stand das RAGDA-Phänomen zentral über Mitteldeutschland und sorgte für spektakuläre Ansichten am Himmel. Ich war damals verdammt traurig, diese Nachtstunden unter Wolken verbracht haben zu müssen.)

Zurück zu meiner selbstgestellten Frage: Ja, es war RAGDA, in einer Ausprägung und Form, wie man es sich nicht besser hätte ausmalen können: Alleinstehende grüne Flecken pulsierten in ihrer Helligkeit, während rote Strahlen (südlich des Polarlichtovals) darüber wanderten und sich immer wieder neu aufbauten.

Es folgt ein kurzer Zeitraffer, hier umgewandelt ins nostalgische GIF-Format, welches sich wunderbar dazu eignet, das Pulsieren in Kürze zu verdeutlichen:

Diesmal stand RAGDA weit im Süden, was einmal mehr die Dimension dieser Polarlichtnacht beschreibt.

Vor der Abfahrt wurde noch ein Erinnerungsfoto erstellt, mein breites Grinsen und die Freude waren zu diesem Zeitpunkt mehr als deutlich sichtbar:

Mit dem vollständigen Abklingen des zweiten Substorms und mit zunehmender Bewölkung aus dem Norden, beendete ich meine Beobachtung in etwa gegen 1:30 Uhr (Ortszeit). Durch leichtes Gelände ging es zurück auf die Landstraße und in Richtung Heimat.
Nach rund einem Kilometer Fahrt fielen mir erst geparkte Fahrzeuge in Einfahrten zu anliegenden Feldern auf und urplötzlich stand ein Stativ fast auf der Fahrbahn – ein Schreckmoment. Desorientierte Beobachter, aufgestachelt von den Meldungen über Polarlicht?! Dieses Bild festigte sich mit den folgenden Kilometern und ließ mich erahnen, dass sich diese Nacht vielerorts sehr chaotisch Szenen abgespielt haben könnten. Glücklicherweise hatte ich eine nahezu ungestörte Beobachtungsnacht hinter mir und konnte mich zurückblickend voll auf das Geschehen am Himmel konzentrieren.

Mit Ankunft in der zweiten Heimat und in lichtverschmutzter Umgebung der Siedlungsstraße bei Kirchlengern stellte ich fest: Der nächste Substorm hatte eingesetzt. Polarlichtstrahlen waren durch die kompakte Bewölkung aus höheren Wolken sichtbar. Unglaublich und für mich – an diesem Ort – vorher kaum auszumalen. Das Haus habe ich in der einsetzenden Morgendämmerung immer mal wieder verlassen, um hoch in den Himmel zu schauen. Die letzte Aktivitätsphase des Polarlichts in dieser Nacht, war eindeutig die schwächste, wohlgleich sie für vorher unvorstellbare Szenerien über unserem Hausdach sorgte.

Begeistert ging es ins Bett, es folgt eine kurze Nacht, die unterschwellige Aufregung aufgrund der „unverdauten“ Erlebnisse riss mich schon um 8 Uhr wieder aus dem Schlaf.